"MEISTER DER KULISSE"

                                                             Von Jacek Skolimowski

Sven Sauer hat keine Zweifel: Wenn du etwas total Verrücktes machen möchtest, Mitstreiter findest du mit Sicherheit in Berlin“. Ich wohne hier erst seit ein paar Monaten, er – Grafiker, Maler und Effektkünstler – zog vor einigen Jahren aus seiner Heimatstadt Wiesbaden nach Berlin und gründete hier das Matte Painting Studio, in dem er zusammen mit anderen Gleichgesinnten im Auftrag von Filmemachern und Produzenten der Computerspiele neue Welten entstehen lässt. Mal erschafft er Paris aus dem 19. Jahrhundert, mal  eine Landschaft nach einer Atomkatastrophe oder mittelalterliche Welt von Game of Throns von  George R.R, Martin. Während er von seiner Arbeit erzählt, benutzt Sauer oft das Wort „wir“. Es ist aber kein Ausdruck von  Gigantomanie oder Pluralis Majestatis, sondern ein Manifest.  Sven Sauer ist 35 Jahre alt und sich dessen bewusst, dass er als einzelne Person nicht in der Lage gewesen wäre,  das Land Westeros zu erschaffen, das aus sieben Königreichen besteht und wo Jahreszeiten mehrere Jahre oder sogar Dekaden dauern können. Er weiß genau, dass es ihm ohne seiner Mitarbeiter nicht möglich gewesen wäre, auf der Suche nach Inspiration durch unwegsame Gelände von Island mutterseelenallein herumzulaufen und seine Werke hätte er aus Frust und nicht im Rahmen des Happenings 360 Minutes Art verbrannt. Während der Happening-Reihe werden die für das Projekt entstandenen Werke zur Asche gemacht,  sofern sie innerhalb von 360 Minuten keinen Käufer finden.

Beruflich baut er Schlösser oder verdeckt Leitungsmaste. Sven Sauer lässt Filmwelten entstehen. Und auch wenn er selbst auf der Leinwand nicht zu sehen ist, würden ohne ihn die Filme Hindenburg und Oblivion und vor allem die Serie Game of Throns ganz anders aussehen. 


JACEK SKOLIMOWSKI: Du erschaffst Welten für die Filmbranche – das klingt nach einem Traumjob.

SVEN SAUER: Für mich ist es tatsächlich eine Beschäftigung, die ich mir erträumt habe. Nach dem Studium war ich in der Werbebranche tätig und zwei Jahre lang habe ich Werbekampanien für Milchprodukte vorbereitet. Jeden Morgen habe ich mich im Spiegel angeschaut und gefragt, ob das, was ich mache, mich wirklich glücklich macht. Und irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Sinn mehr hat, so weiterzumachen und dass ich mir einen neuen Job suchen soll – einen, der mir Spaß macht. Ich war ein ganz guter Maler und ich mochte Sciencefiction-Filme, also habe ich angefangen, bei der Produktion von Kurzfilmen und Computerspielen zu arbeiten. Ich habe einen günstigen Moment erwischt, denn gerade waren Spezialisten für visuelle Effekte sehr gefragt. Und ich hatte auch viel Glück, denn ich habe bei der Produktion des Computerspiels Perry Rhodan gearbeitet, das in Deutschland sehr beliebt geworden ist sowie bei der Produktion des Films (Sun)Dust, an dem Hollywood Interesse zeigte. Gleichzeitig realisierte ich auch andere Aufträge – u.a. habe ich die Angstkammer nach dem Vorbild von Burg von Frankenstein erfunden und entwickelte das Bühnenbild für das Theater in Wiesbaden – bei denen ich viele Erfahrungen sammeln konnte. Mit der Zeit kamen auch Aufträge für die Erstellung von visuellen Effekten für immer größere Produktionen.

- Du hast dich auf einen engen Bereich spezialisiert, den man Matte Painting nennt. Was für eine Art Malerei ist das?

- Es ist eine Verbindung von Malerei und Fotografie. Es handelt sich um eine sehr alte Technik, die bis in die Anfänge der Kinematografie hineinreicht. In den zwanziger Jahren waren Objekte wie Leitungsmaste oder Gebäude, die eine Aufnahme kaputt machten, eine große Herausforderung für die Filmemacher. Man hat daher eine einfache Methode für das Maskieren entwickelt: vor die Filmkamera wurde eine riesige Glasscheibe mit darauf per Hand gemalter oder als Foto aufgeklebter Kulisse gestellt. Auf diese Weise war das Verdecken und Filmen möglich. Diese Technik wurde dann weiterentwickelt und als beliebte Lösung bei Schwierigkeiten eingesetzt. Sie kam unter anderem in den spektakulärsten Szenen von Ben Hur oder Jäger des verlorenen Schatzes zum Einsatz. Gleichzeitig waren Matte Painters eine der bestgehüteten Geheimnisse der Traumfabrik Hollywod. In den siebziger Jahren hat ihnen das MGM Studio ein separates Gebäude zugeteilt, in dem alle Fenster verhängt waren und zu dem keine Personen von außerhalb des Studios Zutritt hatten. Die Welt hat von Matte Painting erst durch einen Zufall erfahren. Als George Lucas den Film Star Wars gedreht hatte, geriet er in Schulden, also bezahlte er nur die Schauspieler und das Team für  Effekte nicht. Die Leute aus dem Team haben sich beim Chef des Studios beschwert, dann bei der Presse und es wurde laut über uns. 

Melancholia, Oblivion, Hugo Cabret und Game of Throns – du warst bei diversen Produktionen tätigt. Welche Filmgattung liegt dir am besten?
Ich habe vor kurzem fünf Jahre meiner Arbeit zusammengefasst und es hat sich herausgestellt, dass wir bei der Produktion von 10 Filmen 47 Terabyte Speicher mit Projekten vollgefüllt (Wiedergabe von Filmen auf CDs mit Gesamtkapazität von einem Terabyte würde ca. 18 Tage dauern – Anm. der Redaktion) und im Studio über 420 Liter Kaffee ausgetrunken haben. Es hat sich auch gezeigt, dass die Hälfte der von uns erschaffenen Landschaften auf der Leinwand durch Lava oder Wasser zerstört wurde. Aber jetzt ohne Spaß,  außer Katastrophenfilmen mag ich auch Sciencefiction- und Kinderfilme.
Eine merkwürdige Mischung…

Das Stimmt (Lachen). Am meisten fasziniert mich die Sciencefiction, weil ich eine Welt von Grund auf neu erfinden kann. Etwas Neues sind für mich Kinderfilme, aber ich bin neuen Herausforderungen gegenüber aufgeschlossen, denn dadurch ist meine Arbeit immer noch aufregend. Vor dem Beginn der Arbeiten am Hugo bin ich für einige Wochen nach Paris gereist um Fotos zu machen, mit Leuten zu reden und in den Archiven zu stöbern, damit die Rekonstruktion der Stadt aus den dreißiger Jahren möglich wäre. In Melancholia sollten wir dagegen den Zusammenprall der Erde mit einem anderen Planeten zeigen. Es erforderte mehrere Gespräche  mit Astrophysikern und anderen Wissenschaftlern, die uns erzählt haben, wie ein Zusammenstoß aussehen könnte: wie wären die Farben, der Ausmaß, die Dauer…
Und Game of Throns? Was hat dich die Arbeit an der beliebtesten Serie der Welt gelehrt?

Ich musste so viel wie möglich über die Zeit des Mittelalters in Erfahrung bringen sowie Reisen nach Irland und Island auf der Suche nach Inspiration für Zeichnungen von Landschaften und Burgen antreten.
Und dann?

Ich habe jede Menge Notizen und Skizzen gemacht. George R.R. Martin hat, ähnlich wie Tolkien, seine Welt basierend auf bestimmter Kultur und Geschichte erfunden – der größte Teil der Handlung von Game of Throns spielt sich irgendwo auf den Britischen Inseln ab und viele  Figuren und Bräuche beziehen sich auf die keltische Tradition. Deshalb sind wir nach Irland gereist um nach geeigneten Schauplätzen für die dargestellten Geschichten zu suchen. Wir haben uns mehrere Burgen angeschaut, eine Dokumentation erstellt, in Geschichtsbüchern geblättert, mit Fachleuten gesprochen und erst auf dieser Grundlage das Projekt für die Burg erarbeitet. Gute Recherchearbeit ist eine wichtige Angelegenheit.  Um als Matte Painter arbeiten zu können, braucht man etwas mehr als nur Vorstellungskraft. Es ist auch konkretes Wissen erforderlich, denn sonst anstatt einer faszinierenden Welt entsteht eine gewöhnliche Landschaft. Wenn du eine alte Hütte, eine Wehrmauer oder eine Burg aus der Zeit vor 500 Jahren zeichnest, dann müssen sie eine Geschichte erzählen und Assoziationen erwecken. Zeichnest du sie aber sie ohne Verbindung mit der Realität,  wiederholst du nur Stereotypen, kopierst Ideen der anderen  oder deine Arbeit wird einfach nur kitschig.
Und wann wird sie es nicht?

Wenn jemand im Fernsehen Dragonstone sieht und denkt: das ist ja eine tolle Burg, ich würde sie gerne mal sehen.“ Diese Person findet dann die Information, dass der Film am Mussenden-Tempel gedreht wurde und reist dahin. Und wenn sie den Ort erreicht, erlebt sie eine Enttäuschung, weil sie anstelle einer mittelalterlichen Burg nur ein kleines Gebäude aus dem 18. Jahrhundert am felsigen Meeresufer vorfindet.

Angeblich habt ihr auch eine Burg direkt am Parkplatz gebaut?

Du meinst bestimmt die Szenen in Harrenhal? Wir haben das Modell von einer Mauer gebaut, grünen Hintergrund aufgestellt und nachträglich am Computer die Kulisse aufgetragen. Ich verrate dir noch ein Geheimnis. Keine einzige Aufnahme entstand am Fluss, Meer oder an einer See – alle Aufnahmen von Wasser sind am trockenen Boden im Studio entstanden. Dreharbeiten am Wasser sind gefährlich und teuer wegen des Bühnenbildes und Equipments und technisch schwer zu realisieren. Es ist nicht möglich, stabile Aufnahmen zu machen oder Horizontlinie gut zu zeigen, deshalb muss der Hintergrund gezeichnet, Schiffe am Computer erstellt und das Ganze mit den Schauspielerszenen kombiniert werden. So entstehen heute die meisten großen Filmproduktionen.
Fällst du manchmal auf die Tricks anderer Effektspezialisten rein?
Ja, wenn etwas richtig gut gemacht wurde, kann ich nicht unterscheiden, was gezeichnet und was aufgenommen wurde. Matte Painting ist jedoch kein Versuch, die Zuschauer „auszutricksen“. Für mich besteht Magie des Films darin, dass man die Filmwelt betritt, am Geschehen teilnimmt und die Ereignisse genauso wie die Protagonisten erlebt – selbst wenn der gesunde Menschenverstand es für nicht möglich hält. 

Genauso wie im Film Hugo Cabret, für den du einen Oscar bekommen hast?
Es ist eine wunderbare Geschichte über die Ursprünge des Films, dessen Väter die  Gebrüder Lumiere und George Melie, der Pionier im Bereich Filmeffekte, waren. Um nur ein Paar Aufnahmen zu machen, die aber für den gesamten Film von entscheidender Bedeutung waren, leistete unser Team mehr als einen Monat lang harte Arbeit. Alle Szenen wurden nicht in Paris, sondern im londoner Studio gedreht. Natürlich sind wir zuerst nach Frankreich gereist um zu recherchieren. Und erst auf Grundlage von gesammelten Materialien haben wir die Stadtpanorama gezeichnet und den alten Flair der Stadt rekonstruiert.
Bei so großen Produktionen passieren aber manchmal auch Pannen.
Mir selbst wäre bei dem Film Fast and Furious 5 beinahe eine Panne passiert. Nach dem Drehbuch sollten einige Straßenrennen in Rio de Janeiro stattfinden. Diese Stadt bietet aber nicht ausreichend viel Sicherheit um dahin das Filmteam zu schicken und ein paar Tage in Ruhe zu drehen. Deshalb sind sie nach Costa Rica gereist und unsere Aufgabe bestand darin, in der Nachproduktion die Aufnahmen so umzuarbeiten, dass die Landschaften wie in Brasilien aussehen. Eigentlich ist alles  gut gelaufen, aber bei einer Probevorstellung hat jemand ein kleines Detail bemerkt. Anders als in den meisten Ländern Südamerikas wird in Brasilien portugiesisch gesprochen und wir haben aus Versehen spanische Straßennamen stehen lassen. Wir konnten es noch im letzten Moment korrigieren. Eigentlich keine große Sache, aber stell dir vor, dass jemand Millionen Dollar investiert und jede Menge Leute einstellt und trotzdem läuft am Ende alles schief, nur weil wir es vergessen haben, ein paar blöde Straßenschilder zu verdecken. 
Und der Traumjob würde zu einem Albtraumjob werden.
Das ist nichts Neues – bei jeder einzelnen Produktion gelangt man irgendwann an einen Punkt, an dem man keine Lust mehr hat, weiterzumachen. In der Regel hockt man drei Wochen lang, Tag ein Tag aus, an einer einzigen Zeichnung. Und wenn man Pech hat und nicht alles so glatt läuft, dann kann es sogar zwei Monate dauern.


Und was dann?

Dann begebe ich mich auf eine Reise. Ungefähr alle zwei Jahre mache ich einen zweimonatigen Urlaub und dann verschwinde ich komplett aus der Erdoberfläche. Es ist ein wichtiges Ritual für mich. Auf diese Weise kann ich meinen Kopf befreien. Ich nehme absichtlich kein Ladegerät fürs Handy oder Netzteil für den Laptop mit, damit ich nach 24 Stunden den Kontakt zur Außenwelt komplett verlieren kann. Es hilft mir bei der Erholung von Stress, Zeitdruck und Mitarbeitern.  Mein Kopf wird aber auch mit frischen Ideen vollgeladen. Ein Trip nach Island hat zur Entstehung  der Effekte im Oblivion geführt. Die kahlen Hügel dort verkörpern für mich die Einsamkeit. Es sind faszinierende Landschaften, in denen scheinbar kein Leben existieren kann. Unendliche schwarze Wüsten, Quellen, aus denen giftige Gase hervortreten und von der Vulkanaktivität auf der Insel zeugen. In der Vergangenheit verbannten Bewohner der Insel Verbrecher auf die Hügel. Keiner von ihnen ist jemals zurückgekehrt. Und so sind die Geschichten von Riesentrollen entstanden, die in den Felsen leben und Menschen fressen. Sie sind immer noch weit verbreitet unter den Isländern. Wenn man tagelang durch die Wüste und Vulkanasche wandert und plötzlich einen schwarzen Riesenfels erblickt – dann sieht dieser Fels tatsächlich wie ein Wesen aus Steinen aus, das im Sand lebt. 
Und du hast sie um diese Wesen beneidet?

So kann man es sagen (Lachen). Zusammen mit meinem Bruder, Frank Sauer, der Kameramann ist, und anderen  Effekte-Künstlern habe ich eine Smartphone-Anwendung entwickelt, die Berlin Relikt heißt. Mit dieser Anwendung können Geheimnisse der Stadt entdeckt werden und es handelt sich eben um Monster. Die Smartphones filtern unsere Wirklichkeit und ersetzen sie mit virtueller Realität. In unsere Anwendung haben wir die GPS-Funktion integriert und auf der Karte von Berlin Riesenmonster aus Stahl platziert, die man auf der Leinwand am Alexanderplatz oder am Gebäude der Philharmonie sehen konnte.
Aber wozu?

Damit die Benutzer den Zauber des Films miterleben können. Oder damit sie einfach nur ein Selfie-Foto mit den Monstern machen und es dann bei Facebook oder Instagram posten (Lachen)…
SVEN SAUER (geboren 1979) – deutscher Computergrafiker. Oscarpreisträger (für visuelle Effekte für den Film Hugo Cabret) sowie Emmy-Preisträger (für Effekte für die Serie Game of Throns). Seinen Arbeitsstil bezeichnet er als „romantischen Realismus“. Direkt ausgedrückt – sein Spezialgebiet sind Fotos, auf denen Elemente mit Photoshop „hinzugemalt“ werden.  Seit fünf Jahren führt er das Matte Painting Studio.

Beschreibungen zu den Bildern (von oben):
1. Um als Matte Painter arbeiten zu können, braucht man etwas mehr als nur Vorstellungskraft. Es ist auch konkretes Wissen erforderlich, denn sonst anstatt einer faszinierenden Welt entsteht eine gewöhnliche Landschaft.

2. Am Anfang war das Foto… - so hat Sven die Burg Dragonstone „gebaut“ (Game of Throns).

3. …und so verwandelte sich ein Parkplatz vor dem Supermarkt  (links) in die größte Festung der Sieben Königreiche Harrenhal (rechts). Es musste nur der Hintergrund „hinzugemalt“ werden...

4. Seine Erfahrung in der Filmbranche nutzte Sauer bei der Arbeit an der Smartphone-Anwendung für Touristen Berlin Relikt.

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