"Der Mann, der die Kulissen für Game of Thrones erschafft"

                                                             Von Leon Schmitt 

Serienfans erwarten derzeit wohl kaum eine Staffel sehn-licher: Das Fantasy-Epos „Game of Thrones“ geht im April in die finale Endschlacht zwischen den Lebenden und den Toten. Sven Sauer, der aus dem südhessischen Groß-Gerau stammt, macht die Welt, die Autor George R. R. Martin in seinen Büchern erschaffen hat, sichtbar. Er zeichnet Burgen und andere Kulissen für die Serie. Eigentlich sagt er die meisten Interviewanfragen aus Zeitmangel ab. Doch weil er beim Bonifatius-Musical im Sommer auf dem Domplatz für die Leinwandprojektionen verantwortlich ist, hat sich der 
39-Jährige Zeit für move36 genommen. 


Wie weit nach Süden kommt die Armee der weißen Wanderer? Was passiert dann mit den übriggebliebenen Starks auf Winter-fell? Und werden Jon Schnee und Daenerys Targaryen in Königsmund zusammen herr-schen? Oder am Ende doch der Nachtkönig – und ganz Westeros versinkt im Tod? Am 
15. April ist der deutsche Start auf Sky. 


Künstler Sven Sauer erzählt, warum er das Angebot, für „Game of Thrones“ zu zeich-nen, erst ablehnte – und von seinem Glück, dass er für die zweite Staffel noch mal an-gefragt wurde. Er erklärt, wie seine Arbeit für die Produktion abläuft und was für ihn das Besondere an an dem Fantasy-Epos ist. Außerdem hat er uns Zeichnungen zur Verfügung gestellt, die er für ein Prequel zu Game of Thrones entworfen hat. Es erzählt die Vorgeschichte von Westeros.
An alle, die sich jetzt fürchten: Keine Angst, Sven spoilert nicht!

Wie kommt ein Hesse dazu, bei einer der erfolgreichsten Serien des Globus mitzuar-beiten, die in den USA produziert wird? Wie kam HBO auf eure Firma?

Wie die meisten wichtigen Dinge im Leben war das ein Zufall. Wir hatten zu der Zeit gerade einen Oscar für den Film Hugo Cabret gewonnen. Diese Produktion hat HBO gesehen und uns dann angefragt. Aber alles, was ich geplant habe, hat lang-fristig nie funktioniert. Alles Gute, was mir widerfahren ist, waren Zufälle – meistens auch Sachen, denen ich anfangs kritisch gegenüberstand. 

Heißt das, du warst anfangs nicht so  überzeugt von „Game of Thrones“?

Ich hatte auf Game of Thrones am Anfang gar keinen Bock. Um das zu verstehen, muss man die Zeit ein wenig zurückdrehen: Vor zehn Jahren gab es kaum Fantasy. Zwar kannte man schon die „Herr-der-Ringe“-Filme, aber das war‘s dann auch. Plötzlich kam dann diese Serie mit extrem wenig Budget daher, die ja eigentlich den Startschuss für dieses Genre geliefert hat. Die Produktionsfirma wusste selbst noch nicht, ob das Konzept erfolgverspre-chend ist. Keiner der Beteiligten wusste das. Deswegen haben wir die erste Staffel abgelehnt, als uns ein Angebot vorgelegt wurde. 

Wenn man den enormen Erfolg der Serie vor Augen hat, hast du dich damals ganz schön verrechnet.

Kann man so sagen. Denn etwa ein Jahr später habe ich die erste Staffel gesehen und mir gedacht: „Uiuiui Sven, da hast du einen Fehler gemacht. Das war eine gute Chance.“ Tatsächlich hat die Produk-tionsfirma aber ein Jahr später noch mal angefragt, ob wir bei der zweiten Staffel mitproduzieren wollen. Dies-mal haben wir zugesagt. Aber auch bei der zweiten Staffel war „Game of Thrones“ noch nicht erfolgreich. Es wussten immer noch nicht alle Beteiligten, in welche Richtung sich die Serie entwickelt. Die Einschalt-quoten der ersten Staffel waren in Ordnung, aber nicht krass. Deswegen wollte man zunächst nur noch eine zweite, vielleicht noch eine dritte Staffel abdrehen. Aber dass es mal acht Staffeln werden, hat man zu dem Zeitpunkt noch nicht absehen können. Richtig groß geworden ist die Serie erst mit der dritten Staffel.

Musstest du dich trotz HBO-Anfrage irgendwie beweisen? In Form eines  Castings oder Ähnlichem? 

Nein, wir haben ein Treatment zuge-schickt bekommen. Das sind etwa zwei Seiten, die grob die Produktion erklären und mit Geheimhaltungsverträgen ge-koppelt sind. Aber es sind keine offenen Jobs, um die sich jeder kloppen kann. Vor zehn Jahren, als die erste Staffel ge-dreht wurde, gab es nicht viele Firmen, die das Volumen von „Game of Thrones“ überhaupt stemmen konnten. Es gab ein paar in London, ein paar in Vancou-ver, in Frankfurt und in Stuttgart. Heute gibt es eine Handvoll mehr Firmen, die den Aufwand leisten könnten, aber die Branche ist immer noch ziemlich klein. Deswegen trifft man bei Produktionen auch oft bekannte Gesichter.

Eine international produzierte Serie und ein kleines deutsches Unternehmen, das für visuelle Effekte verantwortlich ist. Wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Wir sind zwar nicht bei den Drehs dabei, aber bei der Vorproduktion. Der Regisseur sagt uns, was gedreht wird. Dann fragen wir uns, wie das aussehen könnte. Wir scribbeln (kritzeln) ein wenig, woraufhin der Produzent ent-scheidet, ob das die richtige Richtung ist. Anschließend fahren wir zu den Ori-ginalschauplätzen – noch bevor das Set aufgebaut wird. Dort fotografieren und scannen wir die Landschaft ab. Mit die-sem Material können wir dann anfangen zu arbeiten. In der Postproduktion wird das, was an dem Schauplatz gedreht wird, mit unserer Arbeit zusammen-gefügt. So haben wir im Grunde nie Kontakt zu den Schauspielern. 

Welche bekannten Kulissen stammen denn von dir?

Zum Beispiel Drachenstein, Harrenhal oder Teile aus Königsmund. Aber bei fast bei allen Burgen, die man in der Serie sieht, war ich beteiligt.

Hattest du dich vorher schon mal in  Burgen versucht? 

Ich habe mich nicht darauf speziali-siert. Manche Sachen fallen mir leich-ter, andere schwerer. Es hat sich dann so ergeben, dass ich Burgen zeichne, weil sie eben wichtig sind. 

Deine Arbeiten, die du uns zu Verfügung gestellt hast, sind ja nicht für „Game of Thrones“ entstanden.

Genau. Die Charaktere reden in „Game of Thrones“ ja oft über vergangene Könige oder andere Länder, aber man sieht sie nie. Das alles hat George R. R. Martin in einem Buch festgehalten: 
„Westeros“. Es ist die Vorgeschichte von „Game of Thrones“. Daraus bedient sich ein Prequel, was in den nächsten Jahren in neuen Staffeln ausgestrahlt wird. Mit einer „Unseen Westeros“-Ausstellung in Berlin haben wir gezeigt, wie das Ganze ausse-hen könnte. Das sind diese Zeichnungen.

Folgst du dabei einem Zeichenstil?

Bei einer Produktion wie „Game of Thro-nes“ kann man nicht wirklich von Stilen sprechen. Man muss nämlich versuchen, so realistisch wie möglich zu arbeiten; ich zeichne ja vor allem digital. Sobald man einen Stil erkennt, hat man eigentlich versagt. Das ist generell bei unserer Kunst so: Sobald man erkennt, dass wir eingegrif-fen haben, haben wir unseren Job falsch gemacht. Und wenn wir unseren Job richtig machen, sieht im Idealfall niemand was. Das ist sehr undankbar. Die Herausforde-rung dabei ist, unsichtbar zu bleiben. Bei verschiedenen Projekten ist das nicht im-mer möglich. Trotzdem darf der Zuschauer 
nicht über etwas im Film stolpern. Es muss sich alles so ineinanderfügen, dass es glaubhaft bleibt. Damit man der Handlung folgt und nicht rausgerissen wird.

Kannst du denn Serien und Filme anschauen, ohne die visuellen Effekte auseinanderzu-nehmen?

Ich achte da überhaupt nicht drauf. Deshalb habe ich mir die Filmindustrie aus-gesucht: Ich schaue mir einen Film an, und nach fünf Minuten bin ich so drin, dass ich nicht mehr analysiere, sondern nur noch der Handlung folge. Das ist für mich eine Leidenschaft. Mir fällt natürlich auf, wenn der Job nicht richtig gemacht wurde.

Bist du ein Fantasy-Fan?

Mittlerweile schon. Als ich dazu gekom-men bin, war ich kein großer Fantasy-Fan. Ich fand „Herr der Ringe“ fantastisch, aber nicht wegen des Genres, sondern wegen der Umsetzung. Ich bin nicht zu „Game of Thrones“ gekommen, weil ich ein Fan des Genres bin. Das hat sich erst ergeben.

Welche sind denn deine  Lieblingsserien? 

Viele - von „True Detective“ über „House of Cards“ bis „Game of Thrones“ ist alles dabei. „Mr. Robot“ fand ich auch fantastisch. Bei drei der vier Serien wurden übrigens keine großen Effekte benutzt, mir kommt es viel mehr auf den Inhalt und die Story an. Serien müssen gar nicht visuell beeindruckend aussehen. 

Das klingt angesichts deines Berufs etwas paradox. Was macht denn 
„Game of Thrones“ für dich zu einer  besonderen Serie? 

Tatsächlich der Inhalt: Die Komple-xität der Handlung und wie George R. R. Martin mit Charakteren um-geht. Er hat selber mal beschrie-ben, dass niemand in der Serie sicher sei. Auch der Zuschauer kann nicht sicher sein, in dem was er erwartet. Nicht nur, dass Martin seine Charaktere reihenweise killt. Es geht auch um die Filmsprache. Dadurch, dass wir so viele Filme kennen, wissen wir, dass verschie-dene Strukturen zu bestimmten Lösungen führen. Das macht Filme und Serien sehr vorhersehbar. Martin durchbricht im großen Stil diese Handlungsmuster. Er zeigt, dass doch nicht alles so ist, wie Hollywood es uns erzählt. Das macht es total spannend.

Hast du die Bücher gelesen? 

Gelesen nicht, aber ich habe sie insgesamt siebenmal gehört. Während ich male, höre ich mir die Hörbücher ununterbrochen an. Nicht nur, um kleine Details herauszufiltern. Ich lasse mich auch ein bisschen in diese Welt hineinziehen.

Hand aufs Herz – was erwartet uns in der kommenden Staffel?

(lacht) Das werde ich nicht ver-raten. Ich würde es nicht einmal, wenn ich es dürfte. Damit würde ich euch den ganzen Spaß nehmen. 

 

„Game of Thrones“ – 
die Serie der Superlative
Zur letzten Staffel von „Game of Thrones“ haben die Macher welt-weit sechs lebensgroße Eiserne Throne an verschiedenen Orten versteckt. HBO gibt nach und nach Hinweise, mit denen sie Fans finden und wie ein Herrscher für sich bean-spruchen können.
Folge drei der kommenden finalen Staffel von „Game of Thrones“ erreicht mit stolzen 82 Minuten Laufzeit Spielfilmlänge. Für keine andere Episode der Serie musst du dir so viel Zeit nehmen.
Sie ist außerdem eine der teuersten überhaupt. Bis Staffel sieben lagen die durchschnittlichen Kosten pro Episode bei rund zehn Millionen Dollar. Das Finale toppt diesen Wert noch mal. Laut dem US-Branchen-blatt „Variety“ kostete die Produk-tion einer Folge der achten Staffel im Schnitt unfassbare 15 Millionen Dollar. 
Der Kampf um den Eisernen Thron läuft seit mittlerweile acht Jahren im TV. Die erste Episode der Serie wurde am 17. April 2011 in den USA ausgestrahlt. Die finale Season läuft ab dem 14. April 2019.
Die letzte Episode der siebten Staffel sprengt Zuschauerrekorde. Bei Erstausstrahlung schalteten 16,5 Millionen Menschen ein – so viele wie bisher bei keinem anderen Staffelfinale. Bereits mit Staffel vier stieß das Epos die „Sopranos“ vom Thron, als eine einzige Folge über 18,4 Millionen Zuschauer erreichte. 
Die Serie hat es sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft: In 173 Ländern wurde die zweite Folge der fünften Serienstaffel gleichzeitig gezeigt. Die letzte Folge wird am 19. Mai ausgestrahlt. Eine Prequel-Serie ist bereits angekündigt.

Kurzportrait: Sven Sauer ist Matte Painter
1979 im südhessischen Groß-Gerau geboren, zeichnete Sven Sauer bereits mit vier Jahren. „Meine Eltern mussten mir einfach nur Wachsmal-stifte hinlegen, dann habe ich mich stundenlang selbst beschäftigt“, erzählt er. Erst mit 20 habe er gemerkt, dass nicht viele eine solche Passion haben. Kunst war daher nicht nur sein Lieblingsfach in 
der Schule, der 39-Jährige entschied sich auch für das Fachabitur mit den Schwer-punkten Kunst und Design. Nach einigen Jobs fing Sven an, Werbung zu studieren und arbeitete dann auch in einer Werbeagentur. „Als ich eines Abends nach zwei oder drei Jahren merkte, dass es mich nicht glücklich macht, ging ich am nächsten Tag zu meinem Chef und kündigte“, erzählt er. „Ich mache jetzt Film!“ Zwar ein anstrengender Schritt, aber mit genügend Motivation erkämpfte er sich einen Weg in die Filmindustrie. Heute ist er Matte Painter – das heißt, dass er vor allem digital Kulis-sen für Filme zeichnet. Zum Beispiel arbeitete er bei dem deutschen Film „Hindenburg“, „The Fast and the Furious Five“ oder „Hugo Cabret“ mit; Sven wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, beispielswei-se mit dem Deutschen Fern-sehpreis oder dem Emmy.